
Unsere Stimme
Der Impulsvortrag von Prof. Dr. Birgit Wassermann (TU Graz) war neben dem wertvollen Austausch unter den Mitgliedsbetrieben eines der klaren Highlights der diesjährigen Generalversammlung des Forum Biofachhandel. Zugleich lieferte er eine wissenschaftlich starke Eindordnung für den aktuellen ODG-Schwerpunkt „Gesundheit und Wohlbefinden“. Gesundheit beginnt nicht erst im Körper, sondern viel früher – im Boden, im Samen, auf der Pflanze und auf der Frucht.
Die Mikrobiologin machte gleich zu Beginn deutlich, wie grundlegend das Thema ist: Der größte Teil des Lebens auf der Erde ist mikrobiell. Bakterien, Pilze, Archeen und andere Mikroorganismen sind keine Randerscheinung, sondern die eigentliche Basis allen Lebens. Menschen, Tiere und Pflanzen leben nicht getrennt von ihnen, sondern immer in enger Gemeinschaft mit ihnen. Oder einfacher gesagt: Ohne Mikroorganismen gäbe es kein gesundes Leben.
Der Boden ist der Anfang von allem
Ein zentraler Gedanke ihres Vortrags war die Verbindung von Boden, Pflanze, Frucht und Darm. Ein gesunder Boden ist für Wassermann kein bloßer Träger von Pflanzen, sondern ein hochkomplexer Lebensraum. In winzigen Bodenstrukturen leben unzählige spezialisierte Mikroorganismen. Geht diese Bandbreite durch zu starke Bearbeitung oder chemische Belastung verloren, leidet alles, was daraus wächst.
Auch Pflanzen tragen ihr eigenes Mikrobiom mit sich. Besonders spannend: Samen sind nicht steril, sondern bringen bereits jene Mikroorganismen mit, die für die Pflanze wichtig sind.
Der Bio-Apfel ist vielfältiger
Besonders anschaulich war das Beispiel des Apfels. Ein Apfel enthält laut Wassermann rund 100 Millionen Mikroorganismen – unabhängig davon, ob er biologisch oder konventionell erzeugt wurde. Entscheidend ist aber nicht nur ihre Anzahl, sondern vor allem ihre Vielfalt. Bei biologisch erzeugten Früchten finden sich andere und auch deutlich mehr unterschiedliche Mikroorganismen als in konventionellen Äpfeln.
Transport, Lagerung und Verarbeitung verändern mit
Wassermann zeigte auch, dass nicht nur der Anbau entscheidend ist. Lagerung, Verpackung, Transport und Verarbeitung prägen das Mikrobiom von Obst massiv mit. Gerade bei globalen Lieferketten verändern sich mikrobielle Gemeinschaften stark.
Auch Reiben, Kochen, Pasteurisieren oder Trocknen verändern das Mikrobiom von Früchten. Selbst wenn Mikroorganismen dabei nicht vollständig verschwinden, verschiebt sich ihre Zusammensetzung deutlich.
Wir essen nicht nur den Apfel, sondern auch sein Mikrobiom
Ein weiterer wichtiger Gedanke ihres Vortrags: Obst bringt also nicht nur Vitamine, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe mit, sondern auch Mikroorganismen. Viele davon überstehen die Magenpassage und treten mit dem Darmmikrobiom in Kontakt. Damit wird Ernährung zu einer direkten Schnittstelle zwischen Umwelt und menschlicher Gesundheit.
Das Darmmikrobiom steht unter Druck
Wassermann schlug schließlich den Bogen zum Menschen. Das Darmmikrobiom ist riesig, hochkomplex und für viele Prozesse im Körper relevant. Es trainiert das Immunsystem, schützt vor Krankheitserregern und steht mit einer Vielzahl von Erkrankungen in Zusammenhang.
Besonders aufschlussreich war dabei der Vergleich von heutigen industrialisierten Gesellschaften mit nicht industrialisierten Regionen und sogar mit rund 2.000 Jahre alten Stuhlproben. Das Ergebnis: Unsere moderne Ernährung hat das Darmmikrobiom massiv verändert. Vor allem die mikrobielle Vielfalt ist dabei weitgehend verloren gegangen.
Vielfalt ist der rote Faden
Für Wassermann ist deshalb klar: Es reicht nicht, „irgendwie gesund“ zu essen. Entscheidend ist die Vielfalt. Unterschiedliche Obst- und Gemüsesorten, saisonale Verfügbarkeit, wenig verarbeitete Lebensmittel und ein möglichst ursprünglicher Umgang mit Ernährung tragen dazu bei, diese Diversität zu erhalten.
Genau darin liegt auch die Verbindung zu den Organic Development Goals (ODGs) des Forums Biofachhandel. Der aktuelle Schwerpunkt „Gesundheit und Wohlbefinden“ zeigt, dass Ernährung nicht isoliert gedacht werden kann. Gesundheit hängt mit Böden, Pflanzen, landwirtschaftlichen Systemen, Verarbeitung und Alltagsentscheidungen zusammen.
Der Vortrag von Dr. Wassermann hat diesen Zusammenhang auf eindrucksvolle Weise sichtbar gemacht – wissenschaftlich fundiert, pointiert und mit hoher Relevanz für die Fragen, die den Biofachhandel heute beschäftigen.




