
Unsere Stimme
Boden ist weit mehr als die Fläche, auf der Pflanzen wachsen. Er speichert Wasser und Kohlenstoff, versorgt Pflanzen mit Nährstoffen, bietet Lebensraum für unzählige Organismen und bildet die Grundlage unserer Lebensmittelproduktion. Ob er all diese Aufgaben erfüllen kann, hängt wesentlich davon ab, wie lebendig er ist – und wie gut die vielen Organismen darin zusammenspielen.
Beim Marktgeflüster des Forums Biofachhandel machte Alfred Grand diese meist verborgene Welt sichtbar. Der Bio-Landwirt, Regenwurmexperte und Gründer der GRAND FARM bewirtschaftet mit seinem Team rund 90 Hektar Biofläche in Absdorf in der niederösterreichischen Region Wagram. Der Betrieb verbindet landwirtschaftliche Praxis mit Forschung und Demonstration und arbeitet mit Universitäten und Forschungseinrichtungen in ganz Europa zusammen.
Seit beinahe 30 Jahren beschäftigt sich Alfred Grand mit Regenwürmern. Sein Wissen, sagt er, sei vor allem „trained by earthworms“ – von Regenwürmern geschult.
Dass biologische Bewirtschaftung bessere Bedingungen für Regenwürmer und andere Bodenlebewesen schafft, zeigt auch der seit 1978 laufende Schweizer DOK-Langzeitversuch von FiBL und Agroscope. Darin werden biologisch-dynamische, biologisch-organische und konventionelle Anbausysteme miteinander verglichen. In den biologisch bewirtschafteten Böden wurden rund doppelt so viele Regenwürmer und eine höhere mikrobielle Aktivität festgestellt.
Der Regenwurm schafft Wege für Wasser und Wurzeln
Warum Regenwürmer für den Boden eine so zentrale Rolle spielen, veranschaulichte Alfred Grand direkt an einem geöffneten Bodenprofil: In der oberen Bodenschicht waren zahlreiche Wurzeln zu sehen, die sich in unterschiedliche Richtungen ausbreiteten. In der tieferen Bodenschicht hingegen wuchsen die Wurzeln fast nur dort weiter, wo Regenwürmer zuvor Röhren geschaffen hatten. Wo eine Regenwurmröhre verlief, waren auch Wurzeln zu erkennen. Wo keine Röhre vorhanden war, fehlten sie weitgehend.
Die Röhren erleichtern den Wurzeln somit den Weg in tiefere Bodenschichten. Die Regenwürmer kleiden sie außerdem mit Regenwurmkot aus, der Nährstoffe und zahlreiche Mikroorganismen enthält. So finden Pflanzen in diesen kleinen Hohlräumen nicht nur Platz zum Wachsen, sondern auch wichtige Voraussetzungen für ihre Versorgung.
Auch Regenwasser kann durch die Röhren leichter in den Boden einsickern. Bei starken Niederschlägen fließt dadurch weniger Wasser an der Oberfläche ab und es wird weniger Erde abgeschwemmt.
Regenwürmer wirken dabei nie allein. Bakterien, Pilze und viele weitere Mikroorganismen bilden gemeinsam ein komplexes Netzwerk. Grand verglich diese Vielfalt mit einer gut ausgestatteten Werkzeugkiste: Je mehr unterschiedliche „Werkzeuge“ zur Verfügung stehen, desto besser kann die Pflanze jene Prozesse unterstützen, die sie gerade braucht – von der Nährstoffversorgung bis zum Schutz vor Krankheiten.
Schutz und Nahrung für den Boden
Wie sich dieses Bodenleben fördern lässt, erklärte Alfred Grand am Beispiel von Mulch. Dabei wird der Boden mit einer schützenden Schicht aus pflanzlichem Material bedeckt. Auf der GRAND FARM kommt dafür unter anderem zerkleinertes Luzerneheu zum Einsatz. Luzerne ist eine mit Klee verwandte Pflanze, die Stickstoff aus der Luft binden kann.
Auf den Beeten verteilt, erfüllt diese Mulchschicht mehrere Aufgaben gleichzeitig: Sie hält Feuchtigkeit im Boden, schützt vor Abschwemmung und erschwert das Wachstum unerwünschter Pflanzen. Gleichzeitig dient sie Regenwürmern und anderen Bodenorganismen als Nahrung.
Das Prinzip ist der Natur abgeschaut. Auch im Wald bleibt der Boden kaum unbedeckt. Blätter, Äste und abgestorbenes Pflanzenmaterial schützen die Oberfläche und werden nach und nach wieder in den natürlichen Kreislauf eingebunden.
Für Alfred Grand sind solche an der Natur orientierten Lösungen ein wesentlicher Schlüssel für eine Landwirtschaft, die auch unter veränderten klimatischen Bedingungen verlässlich Lebensmittel produzieren kann. Dabei geht es nicht allein um möglichst hohe Erträge. Entscheidend ist, auch in schwierigen Jahren Ernten gewährleisten zu können.
Mulch ist dafür nur ein Beispiel. Wesentlich ist immer, das Bodenleben zu stärken. Denn der Boden ist weit mehr als der Untergrund, in dem Pflanzen wurzeln. Grand verglich ihn mit einem Computer: Die mineralischen Bestandteile des Bodens bilden die Hardware. Das Bodenleben ist das Betriebssystem. Es trägt dazu bei, dass Wasser aufgenommen, Nährstoffe verfügbar gemacht und Pflanzen versorgt werden können. Je vielfältiger und stabiler dieses Bodenleben ist, desto besser kann der Boden seine Aufgaben erfüllen.